Raketentechnische Basis 2 Chronik



Die Raketentechnische Basis 2 der Nationalen Volksarmee

Ein geschichtlicher Abriss -

© Jörg Hertwig 1990 2014
14. erweiterte Überarbeitung 2014

„Logistik ist nicht alles, aber ohne Logistik ist alles nichts“


8. Die Bundeswehr in Brück (ab 3. Oktober 1990)


Gerät und verbliebener Personalbestand der RTeB-2 wurden am 3. Oktober 1990 von der Bundeswehr übernommen; der Personalbestand allerdings vorerst „zur Probe“.

8.1. Panzerbataillon 423 und Truppenübungsplatz

Abb. 8.1 „Ausgedient und abgerüstet wur­den diese Transportfahrzeuge genauso zur Geschichte wie die NVA selbst (unser Bild am Bahnhof Borkheide). So manches von ihnen schleppte auch Raketentechnik über unsere Straßen“, schrieb die „Märkische Allgemeine“ zu diesem letzten Bild aus der RTeB-2.

Der Militärstandort BRÜCK war in den 90er Jahren vordergründig geprägt durch das Panzerbataillon 423 der Bundeswehr, welches am 27. März 1991 im Objekt des ehemaligen NVA-Fla-Raketenregimentes 1 als Ver band der Heimatschutzbrigade 42 und später der Panzerbrigade 42 „Branden­burg“ aufgestellt und untergebracht war. Auf den selben Bahngleisen, auf denen 1991 die nicht mehr , benötigte Ex-NVA-Technik abtransportiert wurde, kamen 1991 die Kampfpanzer Leopard II an.

Abb. 8.2 Panzerlärm in Brück - selbst am staatlichen Feiertag, dem Reformationstag

Erster Kommandeur des Panzerbataillons 423 war Oberstleutnant Winfried Steiner. Ihm folgten Oberstleutnant Ludwig Maurer (1992), Oberst­leutnant i.G. Jörg Steenbock (1995), Oberstleutnant Stefan Thomas (1997) und Oberstleutnant Volker Rönnike (2000). Zwei Kompanien des Bataillons unterhielten Patenschaftsbeziehungen zur Gemeinde Linthe beziehungsweise zur Stadt Treuenbrietzen. Im Umgang mit der ortsansässigen Bevölkerung musste man sich anfangs noch qualifizieren. So stieß der Marsch einer Panzerkolonne durch Brück - ausgerechnet am Reformationstag 1995, einem gesetzlichen Feiertag im Brandenburgischen - auf wenig Verständnis. Einfacher Grund des Missgriffs: Die Chefs der Panzerbrigade waren katholischer Konfession und kannten sich mit evan­ge­lischen Feiertagen nicht aus.

Abb. 8.3 Auf dem Truppenübungsplatz: Dialog mit unzufriedenen Bürgern zum Thema Schießplatzlärm im Jahre 2007

Ehre erwarben sich die Soldaten des Pan­zerbataillons 423 im Jahre 1997 an der Oder bei der Bekämpfung der „Jahrhun­dert-Flut“. 1999 rückten große Teile des Bataillons erstmals zu einem Auslands­einsatz in den KOSOVO aus. Im Jahre 2001 verlegte erneut ein Einsatzbataillon dorthin.

Zum 31. März 2003 wurde das Panzer­bataillon gemäß der vom ehemaligen Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping angewiesenen Strukturreform der Bundeswehr aufgelöst. Parallel zum Panzerbataillon 423 galt Brück auch als Standort für das Panzerbataillon 424, welches in Friedenszeiten allerdings nur eine Handvoll Personal hatte und mehr oder weniger nur auf dem Papier existierte.
Der Truppenübungsplatz Lehnin, der sich bis an den nördlichen Rand Brücks zieht, wurde vervollkommnet und dient neben der Bundeswehr auch anderen Soldaten des Nordatlantischen Bündnisses zu Übungszwecken.

27. März 1991: Aufstellung des Panzerbataillons 423 im Objekt des einstigen NVA-Fla-Raketen­regimentes 1

8.2. Von der Raketentechnischen Basis zum Gerätedepot und zum Zentralen Mobilmachungsstützpunkt

Unter zeitweiliger formaler Fortführung der Bezeichnung „Raketentechnische Basis 2“ im Bestand des Logistikregimentes des Bundeswehrkommandos Ost war für diese Einheit der Weg als künftige Bundeswehr-Lagereinrichtung vorgezeichnet.

Abb. 8.4 Hunderte Triebwerke beziehungsweise Raketen (im Bild: FRa 3M8 KRUG) der verschiedensten Arten übernahm die Bundeswehr ab dem 3. Oktober 1990 in der Rake­tentechnischen Basis 2

Folgende Bestände an Trägern beziehungsweise Raketen übernahm die Bundeswehr im Oktober 1990 in Brück (Zahlen laut damaliger Bestandsliste der RTeB-2):

Übernahme der Bestände an Raketen durch die Bundeswehr

Rakete bzw. TWNATO-CodeStück

9M21 LUNA MFrog 7133
9M714 OKA SS-23 Spider24
3M8 KRUGSAM-4 Ganef169
3M9 KUBSAM-6 Gainful610

Für wenige Wochen blieb Oberstleutnant (vorl.) Friedbert Enders noch Kommandeur, bis Oberstleutnant Hans-Dieter Lindenthal, ein Offizier aus den alten Bundesländern, die Lei­tung übernahm. Abkommandierte Offiziere und Zeitsoldaten aus dem Westen Deutsch­lands halfen bei der schnellen organisatorischen Eingliederung der Truppe in die gesamt­deutsche Armee.
Zum 1. April 1991 wurde aus der Basis das Gerätedepot Brück. Oberstleutnant Linden­thal, der nunmehrige Chef des Gerätedepots, inszenierte sich regelmäßig medienwirksam. So lud er im Oktober 1993 Vertreter der Öffentlichkeit ins „Versandhaus des Heeres“ und ließ diese wohlig erschauern beim Anblick der von der NVA übernommenen SS-23-Ra­keten hinter dicken Bunkertoren.

































Übernahme der Bestände an Raketen durch die Bundeswehr

Gerade in Sachen SS-23 (OKA) gab es immer wieder Fragen von interessierten Insidern. Die Bundesregierung ließ ihr Parlament und die Bürger glauben, dass man das Problem fest im Griff habe. In der Drucksache Nr. 12/2442 des Deutschen Bundestages vom 14. April 1992 liest sich das wie folgt:

„Mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit sind aus den Beständen der ehema­ligen Nationalen Volksarmee (NVA) auch 24 Raketen des Typs SS 23 in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland übergegangen. Diese Raketen unterliegen nicht dem INF-Vertrag, da sie bereits vor dem Inkrafttreten des Vertrages von der Sowjetunion an die DDR übergeben worden waren. Aus rüstungskontrollpolitischen Erwägungen hat die Bundesregierung beschlossen, diese Raketen in der Bundesrepublik Deutschland zu vernichten. Die Demilitarisierung der Raketen wurde bereits abgeschlossen; unter Beachtung der strengen Umweltschutzauflagen wird auch der Raketentreibstoff bis voraussichtlich 1993 umweltverträglich entsorgt werden.“

Die Wirklichkeit sah anders aus: Noch 1994 wurden die SS-23 in Brück gesichtet. Mindestens genauso fragwürdig ist der Umgang der Bundesrepublik mit ihrer von der NVA in Dresden übernommenen musealen Raketentechnik. Ursprünglich für das Mili­tärhistorische Museum gedacht, schien sich die dortige Behörde als eine Art großer Technik-Verleih „Für Interessierte“ zu verstehen. Einer ihrer Mitarbeiter, Fred Koch, wusste 2014 zu berichten:

Abb. 8.6 Lieblos in einer Ecke des Militär­histo­rischen Museums Dresden der Öffentlichkeit weitgehend entzogen: Startrampe des Kom­plexes 9K714 OKA

„Eine SSR 9P71 und ein RTLF 9T230, bei­de mit einer Lehrtrainingsrakete, über­gab man zusammen mit einer 9P117M Anfang Juni 1990 dem Ar­mee­museum Dresden (ab 12.April 1991 Mi­li­tärhistorisches Museum der Bundes­wehr. „Am 11. Juni 1991 wurden beide SSR allerdings wieder abgeholt. Per Bahn brachte man sie zu den Wehrtech­nischen Dienststellen Meppen und Trier, „verlieh“ sie dann an die Erprobungs­stelle Aberdeen, Maryland der U.S. Ar­mee und an Israel. Erst nach beinahe ge­nau sieben Jahren, am 25. Mai 1998, überführte man die 9P71 über Meppen wieder nach Dresden zurück. Über den tatsächlichen Verbleib der 9P117M gibt es bis heute keine verbindlichen Aus­künfte.“ (lt. „Fahrzeugprofile Nr. 60, UNITEC-Medienvertrieb Stengelheim, 2014, eine S. 44/45)

Mitte 1994 verabschiedete sich der Herr Oberstleutnant Lindenthal auf der neu beschil­derten „Lindenthal-Allee“ in Richtung Pensionärsdasein. Sein Nachfolger ab Juni 1994, Oberstleutnant Peter Koppe, erledigte die ihm übertragenen Aufgaben eher im Stillen.

Abb. 8.7 Zeitungsausschnitt aus der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ vom 23. Juni 1994: Die Verabschiedung des damaligen Kommandanten des Gerätedepots Brück

1996 kehrte der Major Friedbert Enders als Kommandant des Gerätedepots nach BRÜCK zurück. Ihm oblag die Aufgabe, die Umwandlung des Depots in einen Zentralen Mobil­machungsstützpunkt vorzubereiten und ab 1998 umzusetzen. Im Januar 2001 wurde Friedbert Enders zum Oberstleutnant befördert. Auch war es Oberstleutnant Enders vorbehalten, im Rahmen sicherheitspolitischer Foren Aktive und Ehemalige zusam­menzuführen und über aktuelle Aufgaben eines Mobilmachungsstützpunktes zu in­formieren. Im Zuge der Strukturreform der Bundeswehr wurde der Brücker Zentrale Mobilmachungsstützpunkt zum 30. September 2009 aufgelöst.

Abb. 8.8 Erstes Treffen zum Sicher­heits­politischen Forum 1998 im Ge­rä­tedepot Brück. 1. Reihe, 5. v. l: Major Friedbert Enders

Abb. 8.9. Generalmajor Bruno Kasdorf (li.), leitete den Auflösungsappell des Zentralen Mobilmachungsstützpunktes.

Mittlerweile ist auch die Zeit des Abschiednehmens gekommen.

Wir gedenken ihrer


„Märkische Allgemeine Zeitung“ vom 30.10.1993
































Begriffserklärungen:

9P71 = Startrampe des Raketen-
             Komplexes 9K714 OKA;
9P117M = Startrampe des Raketen-
              Komplexes 9K72 ELBRUS;
9T230 = Transportladefahrzeug des
             Raketen-Komplexes 9K714
             OKA;

















































Mit einem Auflösungsappell am 21. April 2009 besiegelte General­major Bruno Kasdorf das Ende des Zentralen Mobilmachungs­stützpunktes Brück/Neuseddin zum 30. September 2009.

Inhalt

Vorwort Raketen eine neue Waffe Das Raketenzeitalter beginnt auch für die NVA Die Raketentransport­abteilung 2 (1969-1976) Die Raketentechnische Basis bis zum Beginn der 80er Jahre
(1976-1983)
Neue politische und militärische Herausforderungen in den 80er Jahren (1983-1989) Entwicklung des Baugeschehens sowie der Dienst- und Lebensbedingungen Das Ende der Raketentechnischen Basis 2 (1989-1990) Die Bundeswehr in Brück
(ab 3. Oktober 1990)
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