Raketentechnische Basis 2 - Chronik



Die Raketentechnische Basis 2 der Nationalen Volksarmee

- Ein geschichtlicher Abriss -

© Jörg Hertwig 1990 - 2014
14. erweiterte Überarbeitung 2014

„Logistik ist nicht alles, aber ohne Logistik ist alles nichts“


0. Vorwort

Die Frage, wie gut die Raketen der Nationalen Volksarmee wirklich waren, beschrieb H.-J. Wagner 1992 in einem Beitrag für das Buch von Dieter Farwick (Hrsg.) „Ein Staat Eine Armee.Von der NVA zur Bundeswehr“, Frankfurt a.M. 1992. Nachdem Experten nach 1990 erstmals Gelegenheit hatten, Technik der NVA direkt und detailliert zu begutachten, überschrieb Wagner seinen Beitrag mit „Gefährliche Überheblichkeit“. Gemeint war damit die herablassende Sicht des Westens auf Technik und Ausrüstung des einstigen potentiellen Gegners.


Abb 0.1: Das operativ-taktische Raketensystem 9K714 OKA gehörte bis 1990 zu
einem der bestgehüteten Geheimnisse der NVA. Im Bild: Der Träger 9M714, der Kassettengefechtskopf 9N74K und die Zwischenzelle 9B513 (v.r.n.l.)

So habe es zu den Fla-Raketen Strela-1 und Strela-10 im Westen kein geeignetes Ge­genstück gegeben. Das System sei immer unterschätzt worden. Über die taktischen und operativ-taktischen Raketen stellte Wagner fest: „Weitere technische Glanzstücke stell­ten die Kurz- und Mittelstreckenraketen im Bestand der NVA dar“.

Die Raketentechnische Basis 2 (RTeB-2) am Standort Brück war ein Truppenteil der raketentechnischen Sicherstellung. Sie war der Verwaltung Raketen- und Waffentech­nischer Dienst (VRWD) im Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR direkt unterstellt. Die RTeB-2 selbst ging 1976 aus der 1969 aufgestellten Raketentransport­abteilung 2 (RTAbt-2) hervor. Vorläufereinheiten der RTAbt-2 existierten im Standort Brück seit der Einführung der Boden-Boden-Raketen in die NVA.

Die Hauptaufgaben der RTeB-2 im Frieden bestanden im Empfang der aus der einstigen Sowjetunion importierten Raketen, Fla-Raketen, Träger und Gefechtsköpfe, ihrer Lage­rung und Wartung sowie der Zuführung dieser Raketen und Gefechtsköpfe zu den rake­tentechnischen Truppenteilen und Einheiten der Landstreitkräfte der NVA.

Truppenteil der raketentechnischen Sicherstellung

Obwohl die Träger der Boden-Boden-Raketen prinzipiell als Kernwaffenträger geeignet waren, wurden in der RTeB-2 zu keinem Zeitpunkt nukleare Gefechtsköpfe gelagert und genutzt. Zu Ausbildungszwecken wurden lediglich Nachbildungen der Kerngefechts­kopf-Container AA-38, AA-52 und A-269 genutzt.

Im Kriegsfalle sollten aus der Raketentechnischen Basis zwei Raketentransportabtei­lungen sowie ein selbständiges Raketenlager gebildet werden.

In der RTeB-2 zu keinem Zeitpunkt nukleare Gefechtsköpfe im Bestand

Abb 0.2 Vieles, man möchte sagen bei­nahe alles, rund um die Raketentechnik und die raketentechnische Sicherstellung wurde als Verschlusssache behandelt.

Wichtigste Quellen für diesen Rückblick waren die offiziell geführte Chronik der RTeB-2, die Diplomarbeit eines Hörers der Militärakademie der NVA Dresden (beide Materialien trugen bis 1990 den Geheimhaltungsgrad „Geheime Ver­schluß­sache“) sowie die Erinnerungen von Berufssoldaten, die in diesem Trup­penteil ihren Dienst versahen.
Weitere Dokumente und Unterlagen, inzwischen zumeist als Kopien im Be­sitz des Autors, konnten seit Beginn dieser Aufzeich­nungen (ab 1990) auf­gefunden und eingesehen werden und bereichern authentisch die Truppen­geschichte der RTeB-2.
Beschreibungen der Raketentechnischen Basis vor 1990 hoben politische Ereignisse übermäßig hervor und zeigten zu wenig die militärischen Entwicklungen. Mit diesem Rückblick wird sowohl die Entwicklung der RTeB-2 als auch ihre Einbindung in das gesellschaftliche Umfeld real dargestellt.

Dieser Rückblick soll auch dank des zunehmenden historischen Abstandes Entwicklungen realer darstellen



1. Raketen - eine neue Waffe

Zwar verstanden es schon die alten Chinesen, mit Schwarzpulver angetriebene kleine Raketen (nachgewiesen sind die „Pfeile des stürmischen Feuers“ im 13. Jahrhundert) zu verschießen, doch erst das 20. Jahrhundert war dazu bestimmt, moderne Raketen zu entwickeln und zu bauen, die auch (oder gerade) militärisch einsetzbar waren.

• 4.7.1941 erster Fronteinsatz von 7 Geschosswerfern M-13 („Katjuscha“, von den
   Deutschen als „Stalinorgeln“ bezeichnet) im Raum Orscha
• Am 3. Oktober 1942 startete um 15.40 Uhr vom „Prüfstand VII“ der Heeresver­
   suchsanstalt-Peenemünde beim 4. Test eine Rakete A4. Sie erreichte mit einer
   Beschleunigung von 1340 m/s eine Höhe von 85 Kilometern und ging in einer
   Entfernung von 190,5 km vor der pommerschen Küste nieder.

Abb 1.1 Amerikanische Truppen erbeute­ten im Rahmen ihrer Aktion „Paperclip“ im April 1945 zahlreiche fertige bezieh­ungs­weise halbfertige deutsche Raketen A4 sowie tausende von Zeichnungen und sämtliche Produktions- und Fertigungs­unterlagen. Auch der Roten Armee fielen in Bleicherrode und Kleinbodungen einige A4 in die Hände. Beide Seiten konnten in den nachfolgenden Jahren auch auf das Wissen und Mittun deutscher Raketenspe­zialisten bauen.

Mit der Zündung der ersten Atom­bomben durch die USA (16. Juli 1945) und die UdSSR (29. August 1949) er­hielt die Frage nach zuverlässigen und modernen Einsatzmitteln für die Kern­waffen höchste Priorität. Neben Lang­streckenbombern wurden dafür auch die Raketen in Betracht gezogen.
Sowohl die USA als auch die Sowjetun­ion griffen bei der Entwicklung ihrer Raketen auf deutsche Fachkräfte zurück. Während der führende Kopf der V2-For­schung, Wernher von Braun, den Ameri­kanern in die Hände fiel, gelang es der sowjetischen Seite, im Rahmen des Ab­transportes von über 2000 deutschen Technikern (22. Oktober 1946) auch 308 „Spezialisten der reaktiven Technik“ mitzunehmen. In der Sowjetunion wurde unter maßgeblicher Mitwirkung der deutschen Raketenbauer unter Helmut Gröttrup am 18. Oktober 1947 um 10.47 Uhr in Kapustin Jar eine Modifikation einer der 40 erbeuteten deutschen A-4-Raketen erfolgreich zu einem Testflug gestartet. Sie schlug nach 206,7 Kilo­metern Flug auf. Weitere zehn A4-Rake­ten wurden in der Folgezeit getestet - nicht alle erfolgreich.


Entwicklung und Einsatz von Raketen im 2. Weltkrieg

Abb 1.2 Eine der russischen Raketen R-1, augenscheinlich ein Nachbau der deutschen A-4, wird im Testgelände zum Start vorbereitet

Zügig wurde an der Verbesserung der Rakete gearbeitet. Unter Leitung der sowjetischen Experten Sergej Koroljow und Valentin Gluschko entstand die 14,65 m lange Fernrakete „R-1“ (NA­TO-Code SS-1 „Scunner“, spätere rus­sischer GRAU-Index 8A11). Am 17. September 1948 stieg sie zu ihrem ersten Teststart auf, am 10. Oktober 1948 erfol­gte ein erfolgreicher Probe­flug über die volle Reichweite. Die Rakete erreichte das Ziel in 288 km Entfernung. Die R-1 kann als „Urmut­ter“ der nachfolgenden operativ-tak­tischen und strategischen Raketen der Sowjetunion angesehen werden. Ab 1950 wurde die R-1 in die Streitkräfte eingeführt. Unabhängig von ihrer vorgesehenen Weiterentwicklung sollte sie dazu dienen, das Per­sonal in der Handha­bung dieses Systems bereits vor der Einführung der eigentlichen Einsatztypen auszu­bilden.


17.9.1948: Erster erfolgreicher Testflug der sowjetischen Rakete R-1

Durch Weiterentwicklung (unter anderem abtrennbare Gefechtsköpfe ab der R-2 und lagerfähiger Flüssigtreibstoff) entstand zu Beginn der 1950er Jahre eine zirka 10,7 m lange und knapp 5 t schwere Rakete mit einer Reichweite von rund 170 km, die als „R-11“ (Werksbezeichnung 8K11, NATO-Code SS-1b „Scud A“) am 28. April 1953 ihren ersten Teststart absolvierte und vom 7. April bis 13. Mai 1954 intensiven Erpro­bungen unterzogen wurde. Bald wurde die 8K11 in die sowjetische Armee eingeführt. Die Generation dieser Raketen hatte allerdings noch eine Zielabweichung von 3000 bis 4000 Metern im Radius.


Abb 1.3 Rakete 8K11 (im westlichen Sprachgebrauch: „Scud A“) auf Ketten-
startrampe 8U218

Zur gleichen Zeit liefen die Tests (ab 15. März 1953) für die größere Rakete R-5, die eine Reichweite von 1200 km haben sollte. Zwei Jahre später hatte die Sowjetunion mit der Einsatzversion der Rakete R-5M (SS-3 „Shyster“, Teststart 21. Januar 1955) einen geeigneten Kernwaffenträger für mittlere Reichweiten. 1956 wurden die ersten 28 Rake­ten R-5M in Dienst gestellt und zur Parade in Moskau im November 1957 erstmals der Öffentlichkeit vorgeführt. Laut Publikationen, die nach dem Ende des Kalten Krieges veröffentlicht wurden, hatten die Sowjets einige wenige solche Raketen im Zeitraum 1958/59 auch (heimlich) in der DDR im Raum Fürstenberg stationiert.


28.4.1953: Erster Start einer Rakete 8K11 auf einem sowjetischen Testgelände

2. Das Raketenzeitalter beginnt auch für die NVA

Die Sowjetunion, die im 1955 gegründeten Militärbündnis Warschauer Vertrag die führende und bestimmende Rolle inne hatte, drängte frühzeitig auch die anderen Ar­meen der Koalition, durch Aufstellung von Raketeneinheiten die Feuermöglichkeiten aller Teilstreitkräfte entscheidend zu erhöhen. Die Waffengattung Artillerie entwickelte sich zur Waffengattung Raketentruppen und Artillerie, wobei die Raketen als Haupt­feuer­kraft der Landstreitkräfte konzipiert wurden.

Vorbereitende Schritte zur Aufstellung von Raketeneinheiten in den Land­streitkräften der NVA
• 1. und 2. Dezember 1960: In Vorbereitung der 1961er Beratung des Politisch
   Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrages erarbeitet das Vereinte
   Oberkommando (VOK) unter Teilnahme von 4 Generalen / Offizieren der NVA
   „Vorschläge über die Ausstattung der NVA mit neuer Bewaffnung und Aus-
   rüstung“.
• 20. Januar 1961: Der Nationale Verteidigungsrat der DDR berät über eine
   Änderung der Struktur der NVA und neue Bewaffnung und Ausrüstung.
• Ab Februar 1961: Die erste Gruppe von NVA-Offizieren nimmt an einem
   speziellen Lehrgang an der Artillerieakademie in Leningrad teil.
• März 1961: Der Politisch Beratende Ausschuss des Warschauer Paktes gibt den
   Mitgliedsstaaten Empfehlungen zur Modernisierung der Bewaffnung ihrer Streit-
   kräfte, unter anderem zur Ausrüstung mit Boden-Boden-Raketen


In der Nationalen Volksarmee wurden ab 1962 Raketentruppenteile aufgestellt. Am 10. Mai 1962 begann im Standort STALLBERG die Formierung der Selbständigen Artil­leriebrigade 2 (sABr-2). Hauptbewaffnung der Brigade bildeten operativ-taktische Ra­keten 8K11. Im September 1962 trafen 3 Startrampen 8U218 ein. Am 10. August 1963 erfolgte der erste Start einer Rakete 8K11 mit NVA-Bedienung auf dem sowjetischen Staatspolygon KAPUSTIN JAR in Kasachstan.

Abb 2.1 Operativ-taktische Rakete 8K11 auf Transportfahrzeug 2T3 der NVA bei einer Maiparade in den 60er Jahren

Parallel mit der Formierung der sABr-2 wurden gemäß Ministerbefehl 17/62 ab dem 11. Mai 1962 auch Einheiten für den Einsatz taktischer Raketen aufge­stellt. Am 1. Dezember 1962 meldete die Selb­ständige Artillerieabteilung 9 (sAA-9) in SPECHTBERG die Gefechtsbereitschaft; bis Ende 1962 war auch die sAA-8 for­miert, im Februar 1963 wurde die sAA-1 im Standort BRÜCK aufgestellt. Der er­ste Start einer taktischen Rakete 3R9 LU­NA (Reichweite 45 km) erfolgte am 2. Oktober 1963 um 11 Uhr auf dem GSSD-Übungsplatz LETZLINGER HEIDE.


Mai 1962: Aufstellung der ersten Raketeneinheiten in der NVA.
Zur Begrifflichkeit: Unter den Raketeneinheiten verstand man die Brigaden und Abteilungen mit Raketen der Klasse Boden-Boden, nicht aber die Flugabwehrraketen

Zur Parade 1964 Maiparade in den 60er Jahren zeigte die Nationale Volksarmee erst­mals öffentlich Boden-Boden-Raketen der Typen 8K11 und 3R9 auf ihren Ketten­startrampen.

Zur Maiparade 1964 wurden in der DDR erstmals Raketen der NVA öffentlich gezeigt

Etwa zeitgleich mit der Aufstellung der Raketeneinheiten erfolgte der Aufbau raketen­technischer Einheiten. Am 27. Oktober 1962 erließ DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann den Befehl 106/62 „Aufstellung von Einheiten der Landstreitkräfte der NVA zur weiteren Erhöhung der Gefechtsbereitschaft“. Dahinter verbarg sich nichts anderes als die Bildung von neuen Raketen- und raketentechnischen Einheiten. In diesem Befehl sind unter anderem Festlegungen zur Aufstellung einer „Beweglichen Artillerietechni­schen Basis“, eines Munitionslagers und einer „Parkbatterie“ im Standort Brück in der Zeit vom 3. bis 29. Dezember 1962 genannt.


Grafik 2.2 Strukturschema der BATB-2, der PBtttr-2 und des ML-2 im Jahre 1963

Oktober 1962: Befehl zur Aufstellung einer Beweglichen Artillerietechnischen Basis im Standort Brück

Die Strukturelemente der neuen Einheiten verdeutlichten, dass das Ganze mit „Artil­lerietechnik“ wenig zu tun hatte. Dementsprechend erfolgte die Aufstellung der Be­weglichen Artillerietechnischen Basis, des Munitionslagers und der Parkbatterie unter höchster Geheimhaltung.

Randnotiz: Selbst Eingeweihte wussten nicht recht, wieso es zwei Transportbatterien gab

Gemäß Befehl 136/62 des Ministers wurde der Formierungsprozess terminlich noch einmal präzisiert und auf den Zeitraum 1. bis 28. Februar 1963 verschoben. Insofern gilt der 1. Februar 1963 als die Geburtsstunde der Raketentechnischen Trup­penteile der NVA. Nach ihrer Aufstellung unterstanden die BATB-2 und die beiden anderen Einheiten dem Chef Artillerie im Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV). Die 1. Ergänzung des Befehls 106/62 legte fest, dass bis zum 15. Juli 1963 die „Parkbatterie 2“ (PBttr-2) und das Munitionslager 2 an den Kommandeur der Beweg­lichen Artillerietechnischen Basis 2 zu unterstellen waren.
1967 zog die BATB-2, die zu diesem Zeitpunkt schon BRTB-5 hieß, in den ihr zuge­wiesenen neuen Standort DRÖGEHEIDE.

Der 1. Februar 1963 gilt als Ge­burtsstunde der Raketentech­nischen Truppenteile der NVA
OSL a.D. Wolfgang Jablonski, als frischgebackener Leutnant in die BATB-2 Brück versetzt, erinnert sich an die frühen 60er Jahre:
Als Ende der 50er Jahre im Raum der kleinen Stadt Brück großflächige Vermes­sungs­arbeiten mit massiven Holzeinschlägen einhergingen, war den Anwohnern, aber auch den westlichen Aufklärern sofort klar: Hier tut sich was für die NVA. Die Resonanz in der Kleinstadt war wider Erwarten positiv. Das ortsansässige Gewerbe erhoffte sich zu Recht einen wirtschaftlichen Aufschwung. Und der kam auch. War das erste Kontin­gent, eine Reseveausbildungseinheit, schon positiv angenommen worden, kam mit der BATB-2 der Durchbruch.

Abb 2.3 Räumliche Lage der beiden Ob­jekte der BATB-2, der PBttr-2 und des ML-2 nördlich von Brück

Am Grün­dungs­tag, dem 1. Februar 1963 war nur ein kleiner Prozentsatz der Planstellen besetzt. Für die BATB-2 exi­stierten in Brück zwei Objekte.
Nahe der kleinen Wohnsiedlung befand sich die Kaserne (Objekt 1), wie man sie sich nicht besser vorstellen konnte: Stabsgebäude, Ledigenwohnheim, Un­terkunftsgebäude, Küchenkomplex, BA-Lager, Med-Punkt, Klubhaus, allgemei­ner Park, Tankstelle, Heizhaus, Ver­kaufs­stelle, Gaststätte. Alles neu errich­tet und dementsprechend das Modern­ste, was die NVA zu bieten hatte.
Das zweite Objekt war zirka 2 km vom Unterkunftsbereich entfernt und über ei­ne neu angelegte Betonstraße zu errei­chen. Es bestand aus mehreren, nicht unbedingt strukturmäßig zusammen­gehörenden Einrichtungen. Da war zuerst das Lehrzentrum, dann der Gefechtspark, das Spezialtanklager, das Munitionslager und nicht zu vergessen die Staffel der Wach­hunde, anfangs 12, mit ihrer Zwingeranlage und der dazugehörenden Hunde­küche. Jedes dieser Teilelemente hatte seinen eigenen Zaun oder Mauer und der Außenzaun war zusätzlich durch Hochspannung gesichert. Das war die Ausgangslage.
Die nicht voll aufgefüllte Mannschaft hatte die Aufgabe, ab Herbst 1963 die Her­stel­lung der Gefechtsbereitschaft sicherzustellen. Der Stellvertreter des Komman­deurs für Ausbildung, Major Dorow, musste mit einer Handvoll junger Offiziere, die das erste Mal auf Lehrgängen in SUMY (UdSSR) etwas von Raketen gehört hatten, aus unzäh­ligen Kisten und Containern ein funktionsfähiges Lehrzentrum zu instal­lieren.
Über das Waffensystem in der BATB-2 hatten die Ortsansässigen nur spekulieren können. Zur Tarnung wurde nach Gutdünken und vorhandenem Kfz. eine 76-mm Kanone zum Schaufahren quer durch die Gegend transportiert.
Am 1. März 1965 erhielt die BATB-2 ihre Truppenfahne. Schon zwei Monate später, am 1. Mai 1965, wurde die BATB-2 dem Kommando des Militärbezirkes V unter­stellt. Ab Ende 1965 verbesserte sich auch die Wohnungssituation der Berufskader enorm. Die jetzt neu errichteten zwei Blöcke mit insgesamt 64 Wohneinheiten lösten alle Probleme mit einem Schlag.

In BRÜCK verblieben die selbständige Transportbatterie und das Munitionslager. Sie bildeten sozusagen den Ursprung der späteren Raketentransportabteilung bzw. der erst in den 70er Jahren erfolgten Formierung zur Raketentechnischen Basis.

Brück: In den ersten Jahren bestand noch eine räumliche Trennung von Unterkunftsbzw. Parkund Lagerbereich in zwei Objekten











Kurze Geschichte des Objektes Brück I:
1961: Baubeginn; Teile des RAR-5
1963: BATB-2, PBttr-2
1967 US der LSK/LV
1974 BauPiB 24
1980 FRR-1
1991 PzBtl 423
2003 TrÜbPl Lehnin


















Die BATB-2, nunmehr BRTB-5, verließ 1967 den Standort Brück; es verblieben hier die STBttr-2 und das ML-2. Beide zählen als Vor­läufer der 1969 formierten Rake­tentransportabteilung 2

Doch zurück in das Jahr 1963: Die PBttr-2 wurde recht bald umbenannt in Selbständige Transportbatterie 2 (STBttr-2). Der Name Transportbatterie setzte sich gegenüber der ursprünglichen Bezeichnung „Parkbatterie“ durch, denn diese war in Ermangelung besseren Wissens oder noch fehlender Begrifflichkeiten wörtlich der russischen Dienstvorschrift (парковая батерея) entnommen. Im Februar 1963 verfügte der Personalbestand der STBttr-2 (zirka 40 bis 50 Armeeangehörige) über keinerlei spezialtechnische Kenntnisse. Für denTransport von Raketen stand lediglich ein einziges Spezialfahrzeug „Granit K-30“ zur Verfügung. Die Offiziere der STBttr-2 waren bisher nur in allgemeinen technischen Verwendungen ausgebildet. Die erste militärische Führung der Batterie bestand aus:

BatteriechefMajor Krüger (bis April 1963)
Oberleutnant Bartlig

ZugführerLeutnant Schöning
Unterleutnant Müller

Die vorrangigen Aufgaben der STBttr-2 bildeten bis zum Sommer 1963 die allgemein­militärische Ausbildung des gesamten Personalbestandes, die Spezialausbildung am K-30 und darüber hinaus die Rodung von Unterholz hinter dem Parkbereich für den vorgesehenen Bau des ML-2.

Abb 2.4 Aus dem Jahre 1965 ist diese ins Deutsche übersetzte Dienstvorschrift 11/22 „Rakete 8K14“. Zuvor bemühten sich NVA-Offziere, ihnen vorliegende sow­jetische Originalvorschriften zu über­tragen.

Die Aufstellung der Batterie war durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet:
a) Strengste Geheimhaltung und
b) Selbsterarbeitung allen Wissens für die Ausbildung.
Die Geheimhaltung betraf sowohl die Exis­tenz der STBttr-2 selbst als auch den Standort und ihre Aufgaben. Auf Grund des Ge­heimnisschutzes erfolgte die Fahr- und Spezialausbildung grundsätzlich nur nachts auf dem Truppenübungsplatz LEH­NIN, nördlich von BRÜCK. Um die Aus­bildung auf einem entsprechenden Niveau und ohne größere Zeitverluste durchführen zu kön­nen, erarbeiteten die Offiziere ein speziel­les Ausbildungsprogramm für die Ausbil­dung bei Nacht und richteten einen Stati­onsbetrieb an spärlich beleuchteten Ausbil­dungspunkten ein.
Eine wirksame Hilfe für die qualitative Verbesserung der Ausbildung erhielten die Vorgesetzten in der STBttr-2 durch die Übergabe einer sowjetischen Dienst­vorschrift (in russischer Sprache) im Sommer 1963. Leutnant Schöning und Unterleutnant Müller übersetzten die Vorschrift Stück für Stück ins Deutsche und schufen so erste Grundlagen für eine qualifiziertere Spezialausbildung des Per­sonals. Bis Ende 1964 erfolgte die Zuführung der Spezialtechnik.
Damit waren für die STBttr-2 entscheidende Voraussetzungen für eine planmäßige Ge­fechtsausbildung gegeben. In jener Zeit waren die Offiziere Lehrende und Lernende zugleich. Das tagsüber im Selbststudium Angeeignete galt es, nachts den Unterstellten zu vermitteln. In der zweiten Jahreshälfte 1964 konnten dank des erreichten Ausbil­dungsstandes die Unteroffiziere dann wichtige Ausbildungsaufgaben selbst übernehmen.
Die weitere Ausrüstung der NVA mit Raketen machte bereits im Jahre 1964 eine erste Änderung des „Stellen- und Ausrüstungsnachweises“ (STAN) erforderlich. Ab 15. April 1964 erhöhte sich schrittweise der Personalbestand um fast 100 Prozent und die Rake­tentransportkapazitäten wurden wesentlich erweitert.

Abb 2.5 Im Juni1965 nahmen die raketentechnische Truppenteile der NVA an einer großen Übung teil, die zugleich als Vorführung vor dem Vereinten Oberkommando galt.

Die „Parkbatterie“ wurde in „Selbständige Transportbatterie 2“ umbenannt. Der ursprüngliche Name Parkbatterie entsprach dem russischen „парковая батерея“































Sommer 1963: Die erste Ausbil­dungsvorschrift wurde aus dem Russischen übersetzt

Vom 25. bis 30. Juni 1965 bewältigten die Angehörigen der STBttr-2 den ersten wirk­lichen Höhepunkt seit der Aufstellung der Batterie: Sie nahmen an einer Übung der Raketentechnischen Truppenteile und Einheiten der NVA und der Gruppe der sowje­tischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) im Bereich des TÜP JÄGERBRÜCK teil. Diese taktische Übung unter Leitung von Marschall Gretschko, Oberkommandierender der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages war gleichzeitig als Lehrvorfüh­rung angelegt.

Abb 2.6 Das im Objekt II beheimatete ML-2 erhielt zur Lagerung seiner „Erzeugnisse“ solche Bunker

Das Thema der Übung lautete „Die Sicher­stellung der Raketentruppenteile/ -einhei­ten mit Raketen und Gefechtsköpfen in der An­griffsoperation“. Im Verlaufe der Hand­lungen erhielt die STBttr-2 die Aufgabe, einen Entfaltungsraum südlich von TOR­GELOW zu beziehen. Auf Signale hin übernahm die STBttr-2 am 28. Juni 1965 um 6.00 Uhr Träger und Gefechtsköpfe auf dem Bahnhof UHLENKRUG aus Eisen­bahnwaggons, auf dem Flugplatz Lerz aus Flugzeugen AN-12 und im Hafen Peene­münde aus Landungsschiffen. Die Erfül­lung der Übungsaufgabe wurde von den Vorgesetzten insgesamt mit „gut“ einge­schätzt.

Juni 1965: Erstmalige Teilnahme der STBttr-2 an einer Übung der Raketen- und Raketentechnischen Truppenteile und Einheiten

Abb 2.7 Auf einem der Erinnerungsabzei­chen „10 Jahre Nationale Volksarmee (1966) wurde bereits eine operativ-tak­tische Rakete auf Startrampe dargestellt

Das Munitionslager 2 (Personalbestand zu diesem Zeitpunkt: zirka 30 Soldaten) wurde im befohlenen Zeitraum aufge­stellt. Es hatte die Aufgabe, Raketen und Raketentechnik zu lagern, notwendige technische Wartungen durchzuführen und die Raketen im engen Zusammen­wirken mit der STBttr-2 zu den entspre­chenden Einheiten der Landstreitkräfte zuzuführen. Mit einem veränderten Stel­lenplan erhöhte sich ab 1. Dezember 1965 der Personalbestand in der Fol­gezeit auf 167 Armeeangehörige.

Das Munitionslager 2 wurde im befohlenen Zeitraum aufgestellt

Inhalt

Vorwort Raketen eine neue Waffe Das Raketenzeitalter beginnt auch für die NVA Die Raketentransport­abteilung 2 (1969-1976) Die Raketentechnische Basis bis zum Beginn der 80er Jahre
(1976-1983)
Neue politische und militärische Herausforderungen in den 80er Jahren (1983-1989) Entwicklung des Baugeschehens sowie der Dienst- und Lebensbedingungen Das Ende der Raketentechnischen Basis 2 (1989-1990) Die Bundeswehr in Brück
(ab 3. Oktober 1990)
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