Inhaltsverzeichnis

0. Anstatt eines Vorwortes

1. Die NVA-Spitze braucht eine geeignete Hauptführungsstelle

2. Die Kaserne Hennickendorf vor 1965

3. Planung und Bau des Schutzbauwerkes 16 / 017

4. Nutzungsphase ab 1970
4.1. Die Wartungseinheit 17
4.2. Das Wachbataillon 2 (1970 bis 1976)
4.3. Die Wartungseinheit 32 (1976 - 1990)
4.4 Neue Rollenverteilung für die Schutzbauten der obersten Ebene

5. Dienst- und Lebensbedingungen in der Kaserne und am Standort
5.1. Gesellschaftliches Leben in der Kaserne
5.2. Baugeschehen in und außerhalb der Dienststelle
5.3. Leben im Standort
5.4. Beziehungen zu Soldaten der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD)

6. Die Zeit der Wende 1989/ 1990

7. Der Wartungs- und Betriebszug III des Kommandos Heeresführungsstellen Ost

0. Anstatt eines Vorwortes

„Habt ihr den Lärm in der Nacht auch wieder gehört? Wie die Soldaten die Raketen heimlich raus nach Hennickendorf gebracht haben?“ Manches Getuschel machte in den Dörfern rund um Luckenwalde in den 1960ern und 70ern die Runde. Nachdem hier inmitten märkischer Kiefern bereits Anfang der 60-er Jahre eine kleine NVA-Kasernenanlage gebaut und geschickt allen Blicken entzogen wurde, rollten ab 1964/ 65 wieder größere Materialtransporte in Richtung dieses Waldstückes. Mit sprichwörtlicher Bauernschläue kombinierte man, worum es sich wohl in dem Wald handeln könnte: Ein Raketenobjekt! Denn zur Legen­dierung des militärischen Bauvorhabens mit der Nummer 16 / 017 gehörte auch das absichtliche Streuen des Raketengerüchtes. Er war nur einer der vielen Teilschritte, um die wirklichen Pläne im Wald nord­östlich von Hennickendorf zu verschleiern. Dennoch. Auch Militärs stützten auch in späteren Jahren glaubhaft die These, dass man hier bei Luckenwalde eigentlich ein Raketenobjekt hinbauen wollte.

Abbildung 0.1 Viele Jahre blieb im Dunkeln, was am Ende dieses holprigen Weges vom Dörfchen Hennickendorf aus geradewegs ins Unterholz führte. Das öffnete auch mancherlei Spekulationen Tür und Tor.

Vom Hörensagen wusste mancher, dass die Raketenobjekt Pläne lediglich ad acta gelegt wurden, weil einer der Projekt-Ingenieure aus Ludwigsfelde mit den Unterlagen in den Westen geflohen sei.
   Inzwischen kommt die Wahrheit scheibchenweise ans Licht. Es war tatsächlich so, dass auch der Raum Hennickendorf in Konzeptionen und Planungen zur Rundumsicherung Berlins mit Fla-Raketen einbezogen wurde.*


* Ab Oktober 1958 begannen im MfNV die Pla­nungen zur Bildung von Fla-Raketentruppen. Aufgestellt werden sollten 5 Fla-Raketenregimenter mit je 4 Fla-Raketen­abteilungen. Im August / Sep­tember 1959 trafen die ersten FRa-Komplexe SA-75 „Dwina“ in der NVA ein.
Das zur Sicherung Berlins im November 1960 aufgestellte FR-16 (später FRR-16, dann 41.FRBr.) erhielt je eine FRa-Abteilung in Fürstenwalde, in Prötzel, in Kloster­felde in und Kremmen.
Beim Betrachten nebenstehender Karte fällt auf, dass der Luftraum im Süden Berlins nicht gedeckt wurde zumin­dest nicht von der Luftverteidigung der NVA. Lucken­walde als möglicher Standort hätte sich also angeboten.




Es begann mit Legenden und Mythen

Diese Raketen waren (neben den Küstenraketenkomplexen mit der Flügelrakete S-2 „Sopka“) überhaupt die ersten Raketenstellungen, die die NVA errichten ließ. Es mag verschiedene Gründe (vielleicht auch den mit besagtem Verrat von Geheimnissen) geben, warum später darauf verzichtet wurde, bei Luckenwalde Fla-Raketen-Stellungen zu errichten.

In jedem Falle zu hinterfragen wäre, warum ausgerechnet in einem besonders sensiblen Objekt, welches einschließlich seiner Koor­dinaten durch den Überläufer an die „andere Feldpostnummer“ weitergegeben wurde, im Nachhinein ein noch sensibleres Objekt wie es eine Hauptführungsstelle nun einmal ist erbaut werden sollte?

Insgesamt weit über tausend NVA-Ange­hörige dienten zwischen 1969 und 1990 als Wachsol­daten, als Kraftfahrer, als Techniker, Nachrich­tenspezialisten und als Sicherstellungs­personal in der „Dienststelle PF. 92012 Luckenwalde“. Fast alle kannten das spezielle Kürzel „P-Zone“ (Parkzone) für den Kernbereich.


Abbildung 0.3 Auch manches, was einst als „Geheime Verschlusssache“ (GVS) oder gar „Geheime Kommandosache“ (GKdos) deklariert war, fördert nunmehr Wissens-wertes über die frühere „Führungsstelle Nr. 1“ und das dazugehörige „Objekt 17“ zutage.

Die Verwendung des Begriffes „Schutzbauwerk“ (ge­schweige denn Hauptführungsstelle) galt als ab­solutes Tabu. Zugegeben, selbst von den Offizieren und Unter­offizieren in der Hennickendorfer Kaserne hatte all die Jahre nur ein relativ kleiner Personenkreis den ei­gent­lichen „Zweck“ des Objektes je von innen gesehen. Lediglich handverlesenes, vom Chef des Hauptstabes der NVA persönlich bestätigtes Personal durfte in Frie­denszeiten die schweren Drucktüren zum Schleusen­system passieren, um als Wartungstechniker oder als Nachrichtenspezialist hier die festgelegten Aufgaben zu erfüllen. Beim Kontrollposten im Gebäude Nummer 5 waren für den laufenden Betrieb reichlich 50 rote Zu­trittsberechtigungen hinterlegt.
Führungsmäßig gehörte die Wartungseinheit 32 zu den dem MfNV direkt unterstellten Truppenteilen, Einheiten und Einrichtungen. Vorgesetzter des Kommandanten der WE-32 war der Chef der Verwaltung Operativ beim Stellvertreter des Ministers und Chef des Hauptstabes. Die fachliche Anleitung erfolgte durch den Leiter der Arbeitsgruppe Führungsstellen und Gefechtsbereitschaft in der Verwaltung Operativ.

Mit den nachfolgenden Aufzeichnungen wollen die Autoren nun, wo alle Geheimhaltungs­beschrän­kungen genauso Geschichte sind wie die Hennickendorfer Dienststelle selbst, ein sachliches und vor allem rea­listisches Bild dieser Anlage (Schutzbauwerk 16/017) aufzeigen und zugleich die Entwicklung der hier wirkenden Wartungseinheit 32 (WE-32) skizzieren.















Zwischen 1969 und 1990 dienten weit über 1000 Soldaten in der Dienststelle „PF. 92012“


















Die Wartungseinheit 32 war dem Minis­terium für Nationale Verteidigung direkt unterstellt

In der Sachliteratur zum Thema Bunkerbau in der DDR, die zwischen 1990 und 2008 veröffentlicht wur­de, ist Hennickendorf ein eher unbedeutendes und zudem unterschätztes Kapitel. Selbst der durch die um­fassende Darstellung dieser Bauwerke bekannte Bunkerforscher Paul Bergner widmete in seinem Erstling­swerk („Befehl Filigran“) der Wartungseinheit 32 ganze 8 Zeilen. Die Bedeutung dieses Bau­werkes er­schloss sich dem Experten damals in keiner Weise.

Abbildung 0.4 Im Soldatenjargon als „Minister­straße“ bezeichnete Betonpiste am Südosteingang („Ministertor“) der Kaserne

Erst mit seinem 2007 aufgelegten Kompendium „Atombunker. Kalter Krieg. Programm Del­phin“ (ISBN 978-3-930588-78-7) im Weiteren bei Zitierung hier als „Delphin“ bezeichnet) erfuhr das Schutzbauwerk in Hennickendorf auf 18 Seiten eine ausführliche öffentliche Wür­digung. Insbesondere wird herausge­ar­beitet, dass nord­westlich von Luckenwalde nicht irgendein be­liebiges der zahlreich vor­handenen Schutzbau­werke entstand, sondern der erste eigene große Führungsbunker der militärischen Spitze der DDR. Und selbst Paul Bergner gibt zu, dass er im Zuge der For­schun­gen zu seinem Buch den Stellenwert der Hen­nickendorfer Anlage unter ganz neuen Aspekten betrachtete. Freimütig schreibt er: „... die Unterlagen hatte ich beinahe zehn Jahre in der Hand ohne zu wissen, wo dieses Objekt lag“ (S. 125). Um die Bedeutung des Hen­nickendorfer Bauwerkes richtig zu deu­ten, kann man übrigens an genau vier Fingern abzählen, wie viele der insgesamt 61 hierzu­lande gebauten größeren Schutz­bau­werke die höchste Schutzklasse, die „A“, tru­gen. Möglicherweise wäre manchem Bunker­for­scher der Stellenwert des Bauwerkes 16/ 017 leichter klar geworden, wenn das Objekt auch so eine blumige Um­schrei­bung wie die anderen Schutzbauwerke, zum Beispiel der „Honecker Bunker“ oder der „Atombunker Harnekop“, verpasst bekommen hätte. Wie wäre es denn mit „Hoffmanns supergeheimes Headquarter“ gewesen? Übrigens, wahrer Forscherdrang hätte Außenstehende schon viel früher auf ganz simple Fakten stoßen lassen: Wieso um alles in der Welt wurde ein kurzes Stück Betonstraße am Südostzipfel der Kasernenanlage hinter vorgehaltener Hand immer als „Ministerstraße“ bezeichnet? Welcher Minister? Wozu? Zurück zum Thema Militärliteratur: Andere Sachbücher wie beispielsweise „Geheime Bunkeranlagen der DDR“ von Stefan Best (Stuttgart 2003) vermitteln den Lesern durch Text- und Bildwahl gar den irrigen Eindruck, dass die Abgesetzte Funksende­stelle (AF) zwischen Kemnitz und Niebel das Wichtigste an der gesamten Hennickendorfer Anlage gewesen sei. Ihr wurde nicht nur eine ganze Seite Farbfotos gewidmet, sondern auch 16 der 25 Zeilen zum Thema Hennickendorf widmete der Autor dieser AF. Das eigentliche Schutzbauwerk wurde in diesem Sachbuch mit keinem einzigen Foto bedacht.
Nach Paul Bergners „Delphin“ veröffentlichte im Jahre 2008 ein Autorenquartett, zu dem Fachleute aus dem einstigen MfNV wie die Generalmajore a.D. Werner Deim und Wolfgang Schubert und die Oberste a.D. Joachim Kampe und Hans Georg Kampe zählen, auf 256 Seiten zusammengetragenes Wissen zum Thema „Die militärische Sicherheit der DDR im Kalten Krieg Inhalte, Strukturen, verbunkerte Führungs­stellen und Anlagen“ (ISBN 978-3-932566-80-6) einer interessierten Öffentlichkeit. Im Zusammenhang mit dem Thema Bunker sind sicher die Kapitel über technische und konstruktive Details der Schutzbauten und des Schutzes wie auch mannigfaltige Aussagen über die nachrichtenmäßige Sicherstellung der mili­tärischen Führung für Interessierte von hohem Informationswert.

*

Die „Nichtveröffentlichten Erinnerungen der Wartungseinheit 32“ wurden zwischen 2003 und 2008 durch Ehemalige dieser Einheit zusammengetragen und erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit noch den Charakter eines Forschungsvorhabens der Militärwissenschaft.
   Dafür, dass die „Nichtveröffentlichten Erinnerungen“ im Jahre 2008 in ihrer Ursprungsform erscheinen konnten, ist das Autorenkollektiv all jenen dankbar, die durch Bild- und Textbeiträge zum Gelingen der Arbeit beitrugen. Bilder und militärische Dokumente stellten Gerhard Schmidt, Jürgen te Kock (†), Ekke­hart Kother, Jörg Hertwig, Rainer Höhn (†), Jörg Drobick und Steffen Kabitschke zur Verfügung. Zu einzelnen Abschnitten griffen Ehemalige selbst zu Papier und Stift oder teilten ihre Erinnerungen mündlich mit: Werner Gohlke, Walter Achnitz, Günther Schmidt, Ekkehart Kother, Gunther Enderlein, Jürgen te Kock (†), Manfred Reimann und Günter Tuchart. Ebenfalls zu Dank verpflichtet sind die Autoren den Herren Paul Bergner, Robert Zellermann und Joachim Kampe für die Bereitstellung von in ihrem Besitz befindlichen Unterlagen.
   Dank diverser Forschungsvorhaben zum Schutzbauwerk 5001 (umgangssprachlich „Honecker-Bun­ker“) war nach 2008 eine Ergänzung der vorliegenden „Nichtveröffentlichten Erinnerungen“ möglich und angebracht. Geringfügig kam zusätzliches „Licht ins Dunkel“, sprich: in die möglichen Nutzungen des Schutzbauwerkes Hennickendorf nach 1980.

In der Sach- und Fachliteratur fand die Anlage in Hen­nickendorf bis zum Jahre 2007 keine nennenswerte Er­wäh­nung



















Lediglich 4 der 61 in der DDR neu er­rich­teten größeren Schutz­bauwerke trugen die Schutz­klasse A, also die höchste Schutzklas­se. Der Hennicken­dorfer Bunker ge­hör­te dazu.












Wolfgang Schubert betätigte sich im Jahre 2008 als Ko-Autor eines neuen Buches über tech­nische Anforde­rungen an moderne Schutzbauwerke.
Das 1970-er Überga­beprotokoll des fer­tiggestellten Hen­nickendorfer Bau­vor­habens 16/017 unterzeichnete üb­rigens auch oben Genannter damals als Korvettenkapitän Dipl.-Ing. Schubert, Hauptingenieur der Verwaltung Spezial­bauten

1. Die NVA-Spitze braucht eine geeignete Hauptführungsstelle

In Friedenszeiten wurde die Nationale Volksarmee vom Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) Strausberg aus geführt. Im Verteidigungsfalle sollte die Führung teil- und zeitweise aus einer verbunkerten Führungsstelle heraus erfolgen.

Abbildung 1.1 Das Ministerium für Nationale Verteidigung in Strausberg diente in Friedenszeiten zur Führung der Verbände, Truppenteile und Einheiten der Nationalen Volksarmee (mit einem gelben Punkt markiert: Haus 20 = Sitz des Ministers für Nationale Verteidigung).


Abbildung 1.2 Unauffälliger Zugang zum
Führungsbunker

Ab 1. März 1964 wurde dafür das „Objekt 04 / 62“ in Geltow bei Potsdam genutzt. Es war kein neuer, sondern der umgebaute Bunkerkomplex „Großer Kurfürst“ aus der Zeit des Dritten Reiches. Nach Ansicht des DDR-Vertei­di­gungsministers und anderer führender Militärs erwies sich Geltow für das MfNV als Geschützte Hauptfüh­rungsstelle aus mancherlei Gründen für die Zukunft un­geeignet. Eine zeitgemäße Führungsstelle müsse auch unter den Bedingungen des Einsatzes von Kernwaffen zuverlässig funktionieren. Sowjetische Spezialisten kann­ten dank ihrer Atom-Tests die ver­schiedenen Wirkungen nuklearer Explosionen auf Menschen, Bauten und Tech­nik. An der Kuibyschewer Militärakademie wurden erforderliche Schutz­koef­fi­zenten be­rechnet und gelehrt. In Bezug auf bauliche und sicher­heits­technische Anforderungen an solch eine Führungsstelle gab es auf NVA-Seite zu jener Zeit nichts Eigenes, auf das man zurückgreifen konnte. Lediglich darüber, welche Leitungsorgane wo im noch zu errichtenden Schutzbauwerk ihren Platz haben sollten, hatte Verteidigungsminister Heinz Hoffmann seit Geltow klare Vorstellungen.

Kurzgeschichte der Anlage GELTOW:
1936-1939: Bau des Führungsbunkers
bis 1945: Ausweichquartier des Generalstabes der Luftwaffe
1945 -1956: Nutzung des Kasernengeländes durch GSSD (Stab der 5. Stoß-Armee)
1957: Übergabe an die NVA
bis 1961: Flak-Offiziersschule
1962: „Objekt 04/62 Geltow II“
1963-1964: Beginn der Modernisierung der Bunkeranlage
1964-1970: Hauptführungsstelle der des Verteidigungsministers
ab 1972: Nutzung durch das Kommando Landstreitkräfte, Sicherstellung durch WE-40 bzw. WSB-40
1980-1983: Bau des Objektes Geltow I (Na-Bunker 16/103)
26.10.1993: Schließung der Anlage durch die Bundeswehr

Was die Armeeführung von der noch zu bauenden Hauptführungsstelle wann und wie zu führen ge­dachte, kann nicht Gegenstand der vorliegenden Darlegungen sein. Bedenken sollten militärisch Inter­essierte jedoch, dass die Hauptkräfte der Nationalen Volksarmee im Kriegsfalle im Bestand einer der fünf Fronten des Westlichen Kriegsschauplatzes aufgegangen wären und dann nicht mehr vom NVA-Hauptstab sondern vom Oberbefehlshaber der 1. Front der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Paktes geführt worden wäre. Aufgabe der NVA-Führung wäre es in jedem Falle gewesen, die Truppen von ihrer Alar­mierung oder von Mobilmachungen bis hin zur Umunterstellung an die Vereinten Streitkräfte zu führen. Danach wären Aufgaben der weiteren Sicherstellung der Fronten, Nachschubfragen sowie die Führung der Territorialkräfte zu organisieren gewesen.
Eher hypothetisch fallen Erklärungen aus, wieso die militärische Führung in der DDR bei der Wahl eines geeigneten Territoriums für ihre neu zu errichtende Hauptführungsstelle ausgerechnet auf den Raum Luckenwalde kam. Paul Bergner skizziert in „Delphin“ dazu mögliche Gründe: Die relative Nähe zum GSSD-Oberkommando Wünsdorf, die bereits erfolgte Verplanung des nördlichen Berliner Raumes als Auf- und Durchmarschgebiet starker russischer Verbände oder auch die denkbare spätere Konzentrierung der NVA-Führung auf den Standort Potsdam (vgl. Bergner, „Delphin“, S. 122). Ähnlich gelagerte Begrün­dungen liefern ehemalige Generale des Verteidigungsministeriums.

Abbildung 1.3 Ein Waldstück nordwestlich von Luckenwalde wurde wegen seiner natürlichen Tarnung von der militärischen Führung (in Abstimmung mit den Sowjets) für die einer besonderen Geheimhaltung unterliegenden künftige Hauptführungsstelle der NVA auserkoren. Gelb markiert ist der Bereich, unter dem sich ab 1969 der Bunker befand. Das obige Luftbild entstand Jahrzehnte später.

Für den Raum Luckenwalde sprach demzufolge die ungefähr gleich weite Entfernung wie von Geltow zu den militärischen Führungszentren in Wünsdorf und in Strausberg. Für den Standort Hennickendorf sprach aber auch, dass es hier seit Anfang der 60-er Jahre bereits eine NVA-Kaserne gab, die eine gute Infrastruktur (Strom, Wasser etc.) vorweisen konnte.

Das Ministerium für Nationale Verteidi­gung erhielt 1964 die seit 1962 moderni­sier­te, bei Geltow liegende Bunkeran­lage (vormals „Gro­ßer Kurfürst“). Nutzbar waren im operativen Bereich nur 8 größere und 8 kleine unterirdische Arbeitsräume.































Suche nach geeig­netem Standort für eine neue Hauptfüh­rungsstelle der NVA

2. Die Kaserne Hennickendorf vor 1965

Für die bewaldeten Flächen nordöstlich von Hennickendorf interessierte sich schon früher einmal die deutsche Wehrmacht. Ältere Dorfbewohner konnten sich jedenfalls noch sehr genau daran erinnern, dass im Jahre 1944 verschiedene Vermessungstrupps den Wald durchstreiften.
   Anfang der 60er Jahre wurde für die noch junge NVA hier eine Kaserne gebaut, die als reines Aus­bildungsobjekt konzipiert war. Manfred Reimann, damals Unteroffizier, erinnert sich, dass er hier von 1960 bis 1961 in einer Ausbildungskompanie eingesetzt war, bevor er nach Brück versetzt wurde, um dort Kradregulierer auszubilden. Feldwebel Günter Tuchart, damals Fernmelde-Truppführer, unter streicht dies insofern, da er zu jener Zeit seinen Dienst im Reserve-Ausbildungs-Regiment 5 versah. Jenes war in verschiedenen Standorten rund um Berlin (Lehnin, Lehnitz, Storkow, Brück, Henni­ckendorf) disloziert.
Beide ehemalige Soldaten erinnern sich, dass es in der Hennickendorfer Kaserne folgende Bauten gab:   • Verkaufsstelle und Gaststätte (a),
  • Kaserneneingang (b),
  • Heizhaus (c),
  • Kinogebäude und Med.-Punkt (d),
  • Speisesaal (e),
  • drei Unterkunftsblöcke (f) und
  • eine Kfz.-Werkstatt (g)

Abbildung 2.1 Zu Beginn der 60er Jahre entstand in Hennickendorf eine Kasernenanlage mit drei Unterkunftsgebäuden

Günter Tuchart kam 1961 als Nachrichtenausbilder nach Hennickendorf. Zu diesem Zeitpunkt waren hier 2 Ausbildungskompanien stationiert und in den Gebäuden 5 und 6 untergebracht. Die Führung saß im Gebäude 7. Erster Chef in der Dienststelle war der Kompaniechef der 1. Kompanie Hauptmann Paul Hetzke, der später dem Standort treu blieb - als Vorsitzender der LPG Hennickendorf.
   Reserveausbildung zur damaligen Zeit hieß, dass Zivilisten in unterschiedlich langen Lehrgängen (von 2 bis zu 6 Wochen) allgemeine militärische Verhaltensweisen beigebracht bekamen beziehungs­weise auch in der speziellen Verwendung als Nachrichtensoldaten geschult wurden. Günter Tuchart erinnert sich daran, dass zu den Auszubildenden jener Zeit auch Studenten der HF-Technik gehörten, die hier sogar kosmische Signale empfangen haben. Solche Signale durften freilich niemals offiziell von den Hennickendorfern entdeckt werden, darum schrieb man diesen Empfang einfach dem „Funkamt Beelitz“ zu.

Abb. 2.2 Feldwebel Günter Tuchart war in Hennickendorf zunächst Nachrichten-Truppführer auf einem speziell für die NVA hergerichteten Fahrzeug „LO 1800 Koffer“, ausgestattet mit einer 60er Feld­ver­mittlung

Die Ausbildung in Hennickendorf fand bis zum Herbst 1963 statt; von da an stand das Objekt leer und wurde von Soldaten des Mot.-Schützen-Regimentes 3 aus Brandenburg a.d. Havel bewacht. In jene Zeit fiel auch der erste - wenn auch weniger angenehme - Kontakt von OSL Werner Gohlke (dem späteren Hennickendorfer Kommandanten) mit dieser Dienststelle. Als Stellvertreter des Chefs des Potsdamer Wehrbezirkskommandos erhielt er 1964 den Anruf, dass man „sich mal um Hennickendorf kümmern solle“, weil die dort stationierten Soldaten im Dorf ein Schwein gestohlen hätten. Vor Ort stellte sich bei den Befragungen heraus, dass die für Hennickendorf eingeteilten Wachsoldaten von ihren Branden­bur­ger Vorgesetzten schlichtweg „vergessen“ wurden - und wegen allzugroßen Hungers „Mundraub“ be­gingen.






Eines der fünf Ob­jekte des Reserve-Ausbildungs-Re­gi­mentes 5
























































































Zwischen 1963 und 1965 stand die Ka­serne praktisch leer

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